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Leseprobe „Fluch der Pardonnex – Weltträumerin II“

Fluch der Pardonnex - Weltträumerin IIexklusive Leseprobe „Fluch der Pardonnex – Weltträumerin II“

9. Lo‘amo

Ich löffelte gerade mein Vanilleeis mit heißer Schokoladensoße, das ich zum Nachtisch nach meiner Pizza genoss, als mich wieder das Gefühl überkam, jemand sei in meiner Nähe. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen und löffelte weiter, nur schmeckte es mir nicht mehr, weil ein bitterer Geschmack der Angst das Vanillearoma völlig verdrängte.

Ich ließ die Schüssel verschwinden, saß still im Dunkeln und hatte Angst, weil ich nichts sehen konnte und das Gefühl, dass mich jemand beobachtete, stärker wurde – so stark, dass ich entsetzt aufsprang und mich um die eigene Achse drehte, aber nichts sah. Meine Angst wurde so groß, dass ich leise zu wimmern anfing. Meine Furcht ließ mich beinahe ersticken. Das Gefühl der fremden Anwesenheit wurde stark und stärker, dass ich sie körperlich fühlen konnte. Etwas Böses, das nur als Schwarz zu beschreiben war – Tiefschwarz!

Wie Fledermausflügel die mein Bewusstsein streiften, meine Seele mit blauem Gift verätzten, mich wie gelähmt dastehen ließen. Die Eingeweide in meinem Bauch wanden sich in Krämpfen. Meine Knie zitterten stärker, mein ganzer Körper brach in kaltem Angstschweiß aus.

Das war von dieser Existenz nicht beabsichtigt. Die Reaktion bei mir war einmalig, ein Somaner hätte nur ein leichtes Gefühl von Unbehagen gespürt, ein kleiner, unerklärlicher Schauder, eine Gänsehaut. Irgendwie war ich sensibilisiert, doch das konnten diese Kreaturen nicht wissen und auch nicht, dass ich sie spüren konnte.

Doch sie lernten. Das spürte ich durch eine kurze Berührung meiner Seele – aber auch die Gegenseite.

Ich fühlte die Richtung, aus der diese Emotion kam. Über mir, hundert Meter entfernt, fünfzig Meter hoch und sich schnell in diesem Radius um mich herum bewegend, befand sich die Quelle.

Fliegend! Ich ließ meine Augen diesem unsichtbaren Bösen folgen.

Kurz schloss ich meine Augen und plötzlich sah ich es vor mir!Auf einem riesigen Adler, dessen Körper groß wie der eines Pferdes war und dessen Flügelspannweite ich auf über zehn Meter schätzte, saß etwas, das eigentlich nicht existieren durfte. Ich erkannte einen geraden, schwarzen Stab, einen weiteren, der an der Seite des Adlers herabhing. Als der Adler halb um mich herum geflogen war und ich mich weiter in dessen Richtung drehte, fixierte ich auf der anderen Seite einen weiteren schwarzen Stab. Mir fiel auf, dass die Stelle, die auf dem Adler aufsaß, kurz hinter dessen Kopf, einen dicklichen Knorpel aufwies.

Das Wesen – es lebte, da war ich mir sicher, weil ich es spürte – bestand also aus drei etwa gleich langen Stäben, die durch eine dickere Stelle miteinander verbunden waren. Die Kreatur steuerte offenbar den riesigen Adler, denn von dem Adler selbst konnte ich keinerlei Bewusstsein wahrnehmen.

Wie war das möglich? Wie konnte ein solches Wesen existieren? Es widersprach aller biologischer Logik, dass eine Kreatur wie diese an Land lebte. Im Wasser hätte ich es mir noch erklären können. In den Tiefen der Ozeane auf der Erde lebten Wesen, die für uns mysteriös in ihrer Existenz waren, aber es gab sie. Doch an Land? In dieser Größe? Ich schätzte, dass jeder Stab ein Meter lang war.

Ich verlor den Verstand!

Wie sollte ich gegen ein solches Wesen kämpfen, das alle Gesetze der Natur brach? Konnte eine solche Kreatur überhaupt bekämpft werden? Und wenn ja, stellte sich die Frage nach dem Wie.

Das war der Moment, auf den ich gewartet hatte. Die erste Begegnung mit der neuen Gefahr!

Als das Wesen endlich verschwand, in Richtung der Schneeberge wegflog, weinte ich vor Erleichterung. Ich zitterte und fror entsetzlich. Mit angezogenen Knien und um mich geschlungenen Armen lehnte ich am Stein, der noch die Wärme des vergangenen Tages in sich gespeichert hatte. Mein Zittern verschwand nicht, es kam von innen und nichts und niemand konnte mir genügend Wärme spenden. Ich ließ einen Becher mit heißem Kakao in meiner Hand erscheinen und versuchte vergeblich davon zu trinken. Meine Hände zitterten so sehr, dass ich fast den gesamten Inhalt verschüttete. Erst nachdem ich mehrmals tief und ruhig aus- und eingeatmet hatte, gelang es mir einen Schluck zu nehmen.

Ich sagte mir unaufhörlich zur Beruhigung wie ein Mantra: ‚Es ist weg, Alena, es ist weg!‘

Die gewünschte Wirkung blieb aus, ich beruhigte mich nicht. Dachte an diese albtraumhafte Kreatur. Sie war unsagbar schlimm und böse, andererseits stark und intelligent!

Das Schlimmste daran war, zu spüren, dass diese Kreatur gleichzeitig unglaublich intelligent war! Dadurch wurde es noch schwerer, sie einzuschätzen.

Ich war allein und hatte Angst – Angst davor, einzuschlafen, falls die Kreatur zurückkommen würde.

Was besagte die Prophezeiung? Welche Gefahr ging von ihr aus? Hatte sie einen Namen? Wer, was war sie? Was hatte sie vor? Wie konnte ich sie aufhalten? Zeigte sie sich nur nachts oder musste ich auch am Tag vor ihr auf der Hut sein? Wann sollte ich dann schlafen? Wie konnte ich mich vor ihr schützen?

Diese Gedanken und noch viele mehr fuhren Karussell in meinem Kopf. Auf jeden Fall würde ich diese Nacht nicht mehr schlafen können. Ich zauberte mir einen starken Kaffee herbei und dachte nach, dachte nach, dachte…

Diese Nacht kam mir so lang vor wie noch keine in meinem Leben. Obwohl ich wusste, dass ich die Nähe der Stabwesen, wie ich sie in Gedanken nannte, spüren würde, lange, bevor sie in meine Reichweite kamen, nagten Zweifel an mir. Ich konnte nicht wissen, ob sie sich nicht auch unbemerkt annähern konnten, da ich sie noch nicht kannte und sehr, sehr vorsichtig sein musste. Bei jedem Geräusch zuckte ich zusammen, schloss die Augen und „blickte“ mich um. In dieser Nacht gab es viele Geräusche. Immer wieder schloss ich meine Augen, um zu „sehen“. Trotz Kaffee wurde ich müder. Zweifel kamen auf, ob sich das Stabwesen mir näherte und ich es mit offenen – nicht geschlossenen – Augen „sehen“ würde. Vielleicht kam es auf dem Boden zu mir, stelzenhaft wankend, von hinten, legte den aufrechten, langen Stab um meinen Hals und…

„Aaah!“, schrie ich auf, als ich etwas an meinem Hals spürte.

Ich schoss in die Höhe, drehte mich um die eigene Achse, blinzelte wie verrückt und plötzlich schienen überall wankende Stäbe um mich herum zu sein! Das Adrenalin kochte in meinem Körper, mein Herz schlug mir bis zum Hals und pumpte heftig das Blut durch meinen Körper, sodass ich es in meinen Ohren rauschen hörte. Ich wartete darauf, dass mein Kopf in den nächsten Sekunden platzen würde. Erst langsam beruhigte ich mich. Es war nichts hier. Nichts, außer Nachtinsekten. Ein Nachtfalter hatte mich am Hals gestreift und als ich kurz eingeschlafen war, hatte sich dieser verrückte Albtraum gebildet.

Ich würde diese Nacht noch wahnsinnig werden!

Ich trank mehr Kaffee als für mich gut war, kaum war die Tasse leer, füllte ich wieder nach. Ich hatte Angst, Feuer zu machen. Vielleicht würden SIE es sehen! Es waren eindeutig mehrere, viele! Das fühlte ich mit Gewissheit!

Als endlich die Sonne aufging, war ich mit meinen Nerven am Ende und das Koffein in meinem Körper hatte mich derart aufgeputscht, dass mein Herz bei jedem Atemzug stach. Ich musste trotzdem weiter, weiter! Wohin? Keine Ahnung. Hinauf zu den Schneebergen – ganz nach oben?

Der Wald war dunkel und bedrückend. Ich war schwach und müde. Stolperte über jede Wurzel, setzte im Zeitlupentempo einen Fuß vor den anderen. Es ging hoch und höher – auf einmal war Schluss. Ende! Ich konnte nicht mehr. Ich fiel über eine Wurzel, als ich einem dichten Strauch auswich und konnte keinen ausgleichenden Schritt mehr nach vorne setzen. Meine Arme weigerten sich, nach vorne zu schwingen und meinen Sturz abzufangen, sodass ich hart auf den steindurchsetzten Lehmboden mit dem Kopf voran fiel. Zum Glück konnte ich gerade noch mein Gesicht zur Seite drehen, damit ich mir nicht die Nase brach. Ein harter Schlag an meiner Schläfe ließ mich in gnädige Dunkelheit sinken. Ich dachte nicht mehr und war nur noch dankbar für das Dunkel, das mich umfing.

„Dar’sal“, begrüßte ich glücklich das Gesicht, das mir erschien, als ich die Augen öffnete.

Sekundenbruchteile später erkannte ich meinen Irrtum. Ich sprang auf, stolperte ein paar Schritte zurück, ignorierte den stechenden Schmerz in meinem Kopf sowie die Übelkeit, die mich sofort überwältigte.

Das war nicht Dar’sal!

Sein Haar war weiß und lang, seine Haut elfenbeinfarben und schimmernd im hellen Feuerschein. Sein Gesicht war ebenmäßig und unschuldig. Seine Wangenknochen hoch und ausgeprägt, seine weißen Augenbrauen exotisch geschwungen, seine Lippen voll, der Mund nicht zu breit, sein Lächeln… ungeübt, als wäre es das erste Mal, dass er lächelte. Er stand auf und war so groß wie Dar’sal, jedoch viel filigraner. Sein Brustkorb war breit und männlich mit dicht bewachsenem, weißen Haar, das sehr weich aussah. Seine Hüften waren schmal, bedeckt durch einen wildledernen Lendenschurz. Seine Beine waren lang und muskulös, wie seine Arme. Seine nackten Füße schmal mit perlmutternen Nägeln, wie die seiner Hände. Auf seiner Stirn prangte ein goldener, sechszackiger Stern mit einem Durchmesser von drei Zentimetern. Seine Augen, seine schwarzen, uralten Augen ließen mich erst erkennen, wer da vor mir stand. Meine Übelkeit und Kopfschmerzen waren wie weggeblasen, als ich ihn erkannte.

„Lo’amo“, flüsterte ich leise, als hätte ich Angst, dass ein lautes Geräusch diese wunderbare Erscheinung vertreiben würde.

Er schritt auf mich zu, seine Bewegungen graziös wie die eines Tänzers und schloss mich in seine Arme. Ich lehnte meinen Kopf an seine Brust, sog seinen Geruch nach Waldhonig tief in mich hinein, umarmte ihn und hielt ihn so fest ich nur konnte. Ich musste mich überzeugen, dass er wirklich da war, nicht nur wieder ein Traum, obwohl es diesmal ein angenehmer gewesen wäre.

Als ich endlich überzeugt war, dass Lo‘amo so real wie ich auf Soma war, begann ich zu weinen: „Ich habe sie gesehen, es war schrecklich, ich war allein und hatte solche Angst!“

Weiter konnte ich nicht sprechen, weil ich von meinem Weinen geschüttelt wurde, sodass meine Kehle zugeschnürt war. Ich weinte meine Angst hinaus. Lo’amo hielt mich geduldig, er streichelte mein Haar, ließ mich mit seinem anderen Arm nicht los und gab mir den Schutz, den ich bitter benötigte.

Ich beruhigte mich langsam und er sprach zu mir: „Komm.“

Seine Stimme war warm, sanft und weich wie die, die ich in meinen Gedanken gehört hatte, als er noch ein junges Einhorn gewesen war. Er führte mich zu dem hell lodernden, warmen Feuer und ich setzte mich dicht neben ihn. Er legte seinen Arm um meine Schultern und ich lehnte meinen Kopf an seine Brust, starrte in die Flammen. Die Sonne war noch nicht untergegangen. In dem dunklen Wald allerdings war das Feuer genau das Richtige. Lo’amo hatte eine flache Mulde ausgehoben, ringsum Steine gelegt und darauf geachtet, dass im Umkreis von fünf Metern nichts Brennbares lag. Fortwährend legte er Zweige in die Flammen, die diese sofort mit lautem Knistern fraßen und wohlige Wärme spendeten. In den Flammen erblickte ich Schemen der Stabwesen, die dort natürlich nicht existierten, sondern nur in meiner überanstrengten Fantasie.

Ich begann zu erzählen, was sich seit unserer Trennung ereignet hatte. Lo’amo unterbrach mich nicht. Als ich zu Ende erzählt hatte, schloss ich die Augen – die Flammen tanzten noch hinter den geschlossenen Lidern.

„Du bist wirklich der ‚Fremde aus einer anderen Welt‘, der die Prophezeiung erfüllt. Ich habe nie daran gezweifelt“, sagte er nach einer Weile.

Ich seufzte. Es hatte keinen Sinn mehr zu protestieren.

„Lo’amo. Sag mir bitte, wie die Prophezeiung lautet.“

Lo’amo blickte mich ernst an: „Das darf ich nicht, da es alles ändern könnte, da es jetzt schon nicht mehr so ist, wie es hätte sein sollen.“

Verärgert winkte ich ab und senkte trotzig den Kopf: „Ja, ja. Ich weiß. Es hätte viel später geschehen sollen und ich bin daran Schuld, weil ich stärker als erwartet bin – ich weiß.“

Lo’amo legte seine Fingerspitzen unter mein Kinn und hob es sanft hoch, sodass ich ihm in die Augen schauen musste. Er sah mich lange und schweigend an, sein Kopf kam näher und er legte seine Lippen auf die meinen. Sie waren warm und weich, ich war verzweifelt und wollte getröstet werden, sodass ich seinen Kuss bebend erwiderte.

„Ich liebe dich“, sagte er, als er seine Lippen von mir löste.

„Aber A’quira…“, fing ich an.

„Es ist alles, wie es geschehen soll“, unterbrach er mich freundlich.

Sein Blick wirkte nun entrückt, verträumt.

„Ich kann dir die Prophezeiung soweit nennen, wie sie sich schon erfüllt hat“, fing er an.

Ich nickte.

„‚Ein Fremder aus einer anderen Welt wird die Pardonnex mit verbundenen Augen sehen und als das Böse erkennen, das Soma zu unterjochen trachtet.‘ Vor vielen Jahrhunderten wurde es aufgeschrieben! Du hattest, als du mit deinen Augen nichts mehr sehen konntest, dennoch gesehen.“

Ich kuschelte mich in seine Arme und eine bittere Erkenntnis ließ mich eine weitere Frage stellen: „Wo kommst du in der Prophezeiung vor?“

„Soweit ist es noch nicht.“

Ich gab es auf. Er hatte recht. Wieso sollte ich ihn drängen? Es sollte sich nicht noch jemand schlecht fühlen.

„Werden die… Pardonnex heute Nacht wieder kommen?“

„Vielleicht. Ich weiß es nicht. Du bist nun nicht mehr allein.“

Ja, ich war im Moment nicht mehr allein und das bedeutete mir viel – so viel wie noch nie zuvor.

„Wer sind die Pardonnex?“, frage ich und erwartete , dass ich keine Antwort erhalten würde.

Lo’amo überraschte mich: „Vor über 2000 Jahren waren sie, wie in den Geschichtsbüchern von Soma steht, schon einmal hier. Es hieß, sie kamen von den Sternen. Damals konnten sie noch keinen Schaden anrichten. Sie waren zu wenige und die mächtigen Magier von Soma zu viele. Sie wurden vernichtend geschlagen, kaum trachteten sie danach, Soma zu unterjochen. Keiner weiß mehr, wie sie versuchten, Soma zu beherrschen, hier klafft eine Lücke in den Geschichtsbüchern. Es lebt auch kein Magier mehr, der das damals miterlebt hatte. Auch die Lehrlinge, die von den Magiern über die Gefahr unterrichtet wurden, sind nicht mehr unter den Lebenden, noch die Lehrlinge danach und danach. Einzig Ro’il’tara hätte noch ein entferntes Wissen dessen, was sich damals zugetragen hatte, aufweisen können, aber das wissen wir nicht wirklich.“

Erschrocken hielt ich mir die Hand vor den Mund: „Ro’il’tara? Oh nein, und ich habe ihn…“

Lo’amo strich mir beschwichtigend über mein Haar und ließ mich mit dieser Geste verstummen. Er lächelte mich sanft an und schüttelte den Kopf.

Nach einer Weile erhob er wieder seine Stimme: „Keine Vorwürfe mehr. In der Prophezeiung ist nie die Rede von Magiern, die dem ‚Fremden aus einer anderen Welt‘ zur Seite stehen. Der ‚Fremde‘ erfüllt die Aufgabe ohne deren Hilfe.“

Ich war nicht überzeugt – musste mich damit zufriedengeben, weil ich nichts dagegen setzen konnte. Ich gab es auf, ich war nicht mehr allein und das war das Wichtigste und alles, was zu diesem Zeitpunkt für mich zählte.

Lo’amo drückte mich an sich und gab mir einen sanften Kuss auf mein Haar: „Ich liebte dich schon, als du endlich ganz auf Soma angekommen warst. Da trieb mich mein Gefühl schon in den Prozess der Wiedergeburt. Doch ich musste auf ein bestimmtes Zeichen warten.“

„Auf welches?“, fragte ich atemlos.

Ich war fasziniert von den Schlingen des Schicksals.

„Es hieß: ‚Wenn sich der Himmel durch schwarze Asche, ausgestoßen durch rotes Gestein, verdunkelt, ist die Zeit der Wiedergeburt angebrochen.'“

Der Vulkanausbruch!

„Wie ist die Wiedergeburt geschehen?“

„Es geschieht einfach. Ich legte mich auf einer Wiese nieder und lauschte dem Rauschen des Windes, schlief ein und erblickte meinen Körper unter mir. Er zerfiel fast augenblicklich in viele, feine Kristalle. Ich richtete meinen Blick zum Himmel, flog zu den Sternen zu meinen Vorfahren. Ich kann mich erst wieder daran erinnern, als ich die Augen aufschlug und A’quira mein Fell sanft ableckte. In diesem Leben ist sie meine Mutter, in einem anderen werden wir vielleicht wieder Gefährten sein. Vielleicht wird aber auch sie wiedergeboren, bedingt durch eine andere Prophezeiung…“

Ich unterbrach ihn schnaubend: „Besteht auf Soma alles aus Prophezeiungen?“

Lo’amo lächelte: „Auf der Erde ist euch das Schicksal bekannt, oder?“

Ich nickte widerstrebend.

„Prophezeiungen lassen uns einen kleinen Blick auf das Schicksal werfen, das ist besser, als richtungslos dahinzutreiben.“

Das musste ich zugeben.

„Ist A’quira nicht unsagbar traurig?“

„Nein. Wir sind alle eins, auch wenn wir nicht Gefährten sind. Wir haben uns nicht verloren. Es ist nur… ungewohnt.“

„Wie kannst du wissen, dass du mich liebst?“, wollte ich erstaunt wissen.

Ich war zu kurz Einhorn gewesen, um das zu verstehen.

Lo’amo überlegte lange: „Ich kann es dir nicht in einfachen, wenigen Worten erklären, weil du es fühlen solltest, um es richtig zu verstehen. Wir Einhörner sind eine Gemeinschaft. Wir kennen uns, nichts ist uns fremd vom anderen, es gibt keine Geheimnisse und wir lieben uns als Gemeinschaft. Die Einhörner unterscheiden nicht nach Geschlecht. Das diente in der Anfangszeit nur der Fortpflanzung. Wir sind eins. Aber ich liebe DICH! Du bist keine Gemeinschaft. Du bist du. Einzigartig. Voller Geheimnisse und Überraschungen. Voller Widersprüche. Voller Liebe und Wut. Voller Selbstaufopferung. Mutig, tapfer und doch ängstlich, wie ein kleines Kind. Du bist das Leben. Keine Gefühlsregung ist dir unbekannt und doch setzt sich dein ureigenes Wesen immer wieder durch. Du bist ein wunderbares Geschöpf mit einer kristallklaren, hell strahlenden und funkelnden Seele. Du bist wie ein Becher frischen Wassers für ein Geschöpf, das vor Durst beinahe stirbt. Du bist Alena. Und ich liebe dich.“

„Deswegen hast du diese Gestalt angenommen?“

Lo’amo blickte mich überrascht an: „Wie sollte ich dich sonst richtig lieben können?“

Ja, wie sollte er mich sonst richtig lieben können?

Ich blickte zu ihm auf: „Aber du wusstest nicht, ob ich dich liebe?“

Wieder dieser überraschte, unschuldige Blick: „Das kleine Einhorn hast du auch geliebt.“

Ich blickte in das Feuer und sprach tonlos: „Ja, das kleine Einhorn liebe ich, aber auch den mächtigen, schwarzen Drachen und den geheimnisvollen Symbionten. Ich will keinen davon aufgeben, aber ich kann auch nicht alles drei sein!“

Ich vergrub meinen Kopf in beiden Händen und weinte leise.

Lo’amo streichelte meine bebenden Schultern: „Du bist alle drei. Zu deinem Menschsein hinzu. Du kennst alles Formen, kannst alle Gestalten annehmen, du kennst alle Gefühle und darfst du selbst bleiben. Du könntest sehr glücklich sein. Ich werde nie ein Mensch sein oder wie einer fühlen können, auch, wenn ich für kurze Zeit dank meiner Magie, diese Gestalt annehmen darf, um dir nahe zu sein.“

So hatte ich es noch nie gesehen. Ich war ein Mensch und von meiner Gesellschaft zu lange geprägt worden. Somit war es unvorstellbar für mich, drei Wesen gleichzeitig zu lieben – mit Herz und Körper. Und doch tat ich es. Hatte ein schlechtes Gewissen, weil mich Drache und Symbiont nicht teilen wollten und konnten. Wie fühlte Lo’amo? Wollte er mich ganz für sich? Ich blickte ihm tief in die Augen, blickte in seine Seele und erkannte, dass ihm bewusst war, dass er nicht ganz mir und ich nicht ganz ihm gehören konnte. Auch das verletzte mich und schmerzte meine Seele sehr. Weil auch ich ganz besitzen und nicht teilen wollte. Zum ersten Mal hatte Lo’amo Unrecht – ich hatte noch nie Symbiontengestalt angenommen. Und zwar deshalb nicht, weil ich diese Gestalt ohne Magie annehmen konnte – wenn ich wollte. Dar’sal wartete seit Jahren darauf, dass ich ihn darum bitten würde, aber ich wollte diesen unumkehrbaren Schritt nicht vollziehen, aus vielerlei Gründen und Befürchtungen. Vor allen Dingen deswegen nicht, weil ich nicht wusste, wie es sich auf meine Magie und Gefühle auswirken würde. Weil ich mir darüber hinaus nicht sicher war, ob ich ihn dann noch lieben könnte. Und ich liebte trotz der verschiedenen Herzen und Seelen, die sich in mir stritten, immer noch das Menschsein. Schluss!

Das Nachdenken brachte mich nicht weiter: „Lo’amo, wie konntest du dich in diese Gestalt verwandeln?“

Er legte noch ein paar Zweige ins Feuer – die Sonne war gerade im Begriff unterzugehen: „Fühlst du es nicht? Ich bin älter als der Wald hier. An die letzten 3000 Jahre kann ich mich noch gut erinnern, an die Jahrtausende zuvor nicht mehr ganz so deutlich. Die drei Wiedergeburten machen es zusätzlich etwas schwerer, genau zu sagen, wie alt ich wirklich bin. Ich lernte und vervollkommnete in dieser Zeit die Magie, die unserer Rasse zu Eigen ist. A’quira ist genauso alt wie ich.“

Atemlos vor Staunen starrte ich ihn an und rückte unwillkürlich ein Stück von ihm ab. Wie konnte ein solch mächtiges, altes, weises Einhorn von einem jungen, kleinen Menschenkind so beeindruckt sein, dass es dieses sogar… liebte?

„Wo kommt ihr her?“, fragte ich und hoffte, dass er es als nicht allzu neugierig empfinden würde.

Er lächelte: „Das weiß niemand. Wir auch nicht mehr. Wir sind aus dem Diamantstaub der Sterne geboren. A’quira und ich waren die ersten. Unsere Kinder leben nun auf Soma. Als unsere Zahl voll war, vermehrten wir uns nicht mehr – wir werden von Zeit zu Zeit wiedergeboren. Nicht alle. Manche haben noch nie eine Wiedergeburt erlebt.“

Ich starrte vor mich hin und vermutete: „Daher seid ihr eine Gemeinschaft und habt die Liebe zu allen und nicht nur zu einzelnen.“

Lo’amo nickte, seinen Blick verträumt in sich gewandt: „Ja. Und als ich dich spürte, deine Unschuld, Verzweiflung, deine großen Gefühle, deine Liebe, deine Seelen, dein Herz, das für Drache und Symbiont schlägt, da wusste ich, dass es auch für mich schlagen würde. Ich brauchte dich und nun schlägt dein Herz auch für mich. Deshalb musste ich wiedergeboren werden, damit ich diese Gestalt annehmen konnte, um dich zu spüren, zu fühlen…“

Ich blickte ihm zornig in die Augen: „Dass es mich in erneute Bestürzung versetzen würde, das war dir klar?“

Lo’amo senkte traurig seinen Kopf und mein Zorn verflog sofort: „Ja, das wusste ich. Leider. Ich bin auch ein Spielball auf der Bahn des Schicksals und für unsere gemeinsame Zeit gibt es nur einen kurzen Weg. Ich freue mich darauf und will es voll auskosten. Bin ich zu egoistisch?“

Er sah mich unschuldig und traurig, aber auch ehrlich an, sodass ich nicht mehr verstand, warum ich zuvor wütend auf ihn gewesen war. Das Schicksal auf Soma hatte mir kein einfaches Leben und keinen geradlinigen Weg bereitet – es kam darauf nicht mehr an.

Eine letzte Frage musste ich ihm noch stellen: „Wie kurz ist der Weg für uns?“

Lo’amo nahm mich fest in die Arme und seine Stimme drückte Schmerz und Bedauern aus: „Viel zu kurz.“

Mehr bekam ich nicht aus ihm heraus.

Dennoch wollte ich nicht aufgeben: „Wie werden wir getrennt? Durch Tod? Durch eine eigene Entscheidung?“

Die Antwort war niederschmetternd: „Durch das Schicksal.“

Ich vermutete, dass das etwas mit der Prophezeiung zu tun hatte und zwar mit dem Teil, den er noch vor mir verschwiegen hatte. Aber ich durfte mich Spekulationen nicht hingeben. Das war kräftezehrend und dumm. Ich würde es noch früh genug erfahren. Ich hob mein Gesicht zu ihm auf und tauchte ab in seine Augen. Sie waren wie der Teich im Zauberwald, tief, dunkel, geheimnisvoll und manchmal gelang mir der Blick in seine Seele.

Diesmal erkannte ich mich wieder als das wunderschöne Einhorn, das ich für kurze Zeit gewesen war. Meine Liebe zu ihm entbrannte erneut, heller und heftiger als für das kleine Einhorn, das ich weinend vor Rührung in meinen Armen gehalten hatte. Ich schloss die Augen, Tränen kämpften sich durch die geschlossenen Lider ihren Weg aus den Augenwinkeln und liefen langsam über meine Wangen. Der Kuss von Lo’amo kam unerwartet, aber von ganzem Herzen gewünscht. Ich öffnete meinen Mund und wir versanken in dem Kuss, der unsere Liebe zueinander ausdrückte, bis sich ein schwarzer Schatten über mein Bewusstsein legte.

Kämpfen Sie mit Alena weiter:

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