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Leseprobe „Angstküsse der Träume“

8. Der letzte Mensch

Es begann damit, dass immer mehr Menschen verschwanden, nur, um verändert wieder aufzutauchen. Sie waren ruhiger, weniger lebendig in der Art wie sie sprachen, sich bewegten und lebten.

Es begann damit, dass seltsame, quallenartige, leuchtende Wesen in der Nacht am Himmel erschienen, aber kein Mensch öffentlich zugab, dass er diese Wesen gesehen hatte.

Es begann damit, dass schmale Hydranten aus der Erde wuchsen und rötliches Scannerlicht über alle sich in ihrer Nähe befindlichen Menschen sendeten.

Es begann damit, dass in meinen Gedanken überraschend Stimmen auftauchten, die ich keineswegs hätte hören dürfen.

Es begann mitten im Winter, als unerwartet mehr Schnee denn je fiel.

Es begann damit, dass ich all die leisen Gerüchte hörte und sie als Hirngespinste abtat…

…bis ich eines nachts ein solch quallenartiges Wesen knapp über mir erblickte, eine seltsame Stimme, lauter als zuvor, in meinen Gedanken wahrnahm, die mich aufforderte stehen zu bleiben. Es war kalt, der Schnee lag über einen halben Meter hoch, ich wollte so schnell wie möglich nach Hause ins Warme. Um diese Zeit war ich selten unterwegs, allerdings war es im Geschäft später geworden und nun befand ich mich inmitten vieler fremder Gesichter an der Bushaltestelle und bewunderte die Eleganz des Wesens, das in dieser Form einzig im Meer anzutreffen war. Es leuchtete phosphoreszierend und kleine Blitze zuckten im Inneren dieser gallertartigen Kreatur, die in einem unhörbaren Takt nach außen, in die Köpfe von uns anwesenden Menschen eindrangen und somit Stimmen direkt in unser Gehirn jagten.

Ich blieb stehen, jedoch nicht willenlos, wie die anderen um mich herum, sondern weil ich neugierig war.

Wieso bewegten sich die anderen Menschen wie Marionetten? Angst verspürte ich keine – noch nicht.

Zwei dieser merkwürdigen Hydranten wuchsen vor und rechts von mir mitten aus der zugeschneiten Straße. Als sie eine Höhe von zwei Metern erreicht hatten, zuckten die Spitzen rhythmisch und rote Laser scannten alle anwesenden Menschen ab. Einem plötzlichen Impuls folgend warf ich mich flach in den Schnee, bevor mich einer der Scanner erreichte, blieb bewegungslos liegen und atmete flach. Vorsichtig, ohne zu blinzeln, verfolgte ich weiter, was mit den anderen geschah. Nachdem der Laser alle stehenden Menschen abgescannt hatte, zogen sich die Hydranten in die Straße zurück und die leuchtende Qualle verschwand am Himmel im Nirgendwo. Die Menschen wirkten nicht mehr wie eine Marionette an einer Schnur und ich stand vorsichtig auf.

Bis ich zuhause angekommen war, grübelte ich über diese unheimliche Szene nach. Was war das gewesen? Warum hatte niemand mit einem anderen über diese Minuten geredet? Warum hatten sie überhaupt nicht miteinander geredet? Was war hier los?

In meiner WG angekommen fiel mir gerade an diesem Tag auf, dass sich meine Mitbewohner genauso merkwürdig, wie die Menschen an der Bushaltestelle, verhielten. Alle starrten vor sich hin, keiner alberte mit den anderen herum, alle schienen bloß noch zu funktionieren, nicht mehr richtig zu leben!

Ich war verwirrt.

Gleichwohl nicht so sehr, wie nach dem Telefonanruf: „Wenn du gefragt wirst, wähle nicht die passgenaue Form! Das Chemiebad ist in der anderen Form weniger schmerzhaft!“

Was?

Papa?“, schrie ich ins Telefon hinein – nur ein Freizeichen drang an mein Ohr.

Etliche Momente nach diesem mysteriösen Anruf wurde mir schmerzhaft bewusst, dass dies mein Vater gewesen, der jedoch vor Jahren verstorben war. Angst kroch in mir hoch. Mir wurde heiß und kalt zugleich, ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich mit diesen Erlebnissen in den letzten Stunden vollkommen überfordert war. Meine Gedanken fuhren Achterbahn, weil alles absolut keinen Sinn ergab.

Es sollte noch schlimmer kommen.

Am nächsten Tag pendelte ich mit dem Bus äußerst gerädert in mein Geschäft und versuchte wenig erfolgreich die schweigenden Menschen um mich herum zu ignorieren.

Ich arbeitete in dem Planungsbüro eines Reiseveranstalters.

Einer plötzlichen Eingebung nach nahm ich die AGBs des Veranstalters zur Hand und machte eine schreckliche Entdeckung: Ich befand mich in der sprichwörtlichen Höhle des Löwen!

Hier war die Zentrale, die organisierte, dass die realen Menschen verschwanden und durch Klone ersetzt wurden! Und hier ergab die Aussage meines verstorbenen Vaters Sinn: Es existierten zwei Möglichkeiten, die die Menschen vernichteten, damit die Klone dauerhaft ihren Platz einnehmen konnten! Die erste Methode war, die Körper in Bandagen eingebunden in Särge zu legen, die zweite lediglich mit dem, was der Mensch gerade am Leibe trug. Anschließend wurden sie in bewusstlosem Zustand zum Meer transportiert. Dort wurden die Särge auf trockengelegten Stellen aufgebahrt.

Weiter konnte ich dieses schaurige Dokument nicht mehr studieren, denn mein Chef stand urplötzlich hinter mir und rügte mich. Ich zuckte ängstlich und ertappt zusammen.

Er tadelte mich: „Ihr Verhalten ist ungebührlich! Sie haben viel zu viel von den Menschen angenommen, um ein funktionierendes Mitglied in der Gemeinschaft zu sein!“

Die Mitarbeiter um mich herum blickten mich mit leblosen Augen an – wie mein Chef.

Ab da verstand ich: Ich war hier der einzig wirkliche Mensch. Möglicherweise in der ganzen Stadt. Vielleicht in der ganzen Welt!

Ich entschuldigte mich bei meinem Chef, dass ich mich mit einem Virus infiziert hätte und hoffte, dass diese Klon-Wesen weder Gefühle noch Gedanken lesen konnten. Ich hatte Glück – mein Chef nickte, aber er wies mich an, dass ich am nächsten Tag zum „Menschenlager“ reisen soll.

Diese Nacht war noch schlimmer als die zuvor, weil ich nicht wusste, was mich erwartete und ich mich schrecklich allein und hilflos fühlte – es war mir bewusst, dass ich niemandem mehr vertrauen konnte.

Am Tag darauf wurde ich mit den Marionettenmenschen, wie ich sie seit dieser schlaflosen Nacht insgeheim nannte, zu einem sogenannten „Menschenlager“ transportiert. Die Fahrt war lang und das Adrenalin kochte in mir, heizte die Angst und Ungewissheit bis zur Unerträglichkeit an.

Endlich erreichten wir unser Ziel. Hätte ich gewusst, was mich dort erwartete, hätte ich gebetet, dass die Fahrt doppelt, zehn Mal, hundert Mal so lang gedauert hätte!

Als wir ausstiegen, erschien mir noch alles harmlos. Ich betrachtete das wogende Meer, roch die salzige Luft, schaute mich um und erkannte auf der Spitze des angrenzenden Felsens große Gebäude, die auf mich wie Lagerhallen wirkten. Während des Aufstiegs beruhigte sich mein Herz, da ich aufgrund der friedlichen Ansicht beharrlich an ein Missverständnis glauben wollte.

An der ersten Halle angekommen, führte man mich in einen Vorbereitungsraum. Dort erkannte ich viele schweigende, in Roben aus Leinen gehüllte Menschen, die damit beschäftigt waren die noch lebenden, bewusstlosen Menschen in enge Bandagen zu wickeln.

Alle Arglosigkeit brach in mir zusammen!

Ich wollte schreien vor Qual, als ich erkannte, dass die Menschen noch atmeten und ihnen sogar das Gesicht, der ganze Kopf!, bandagiert wurde. Sie würden elendiglich ersticken! Ich beherrschte mich so gut es unter diesen Umständen möglich war. Die schweigenden Menschen drapierten den Bandagierten ein bunt glänzendes Blumengebinde auf die Stirn – daraufhin wurde der Sargdeckel für alle Zeit geschlossen.

Im Raum nebenan legten sie bewusstlose Menschen ohne Bandagen und Blumengebinde in den Sarg und verschlossen den Deckel. Warum manche die eine und manche die andere Prozedur über sich ergehen lassen mussten, habe ich nie herausgefunden – durch den Anruf meines toten Vaters vermutete ich, dass ihnen die Wahl gelassen wurde.

Einige stumme, mit leblosen Augen blickende Menschen führten mich nach draußen und dort überfiel mich die totale Verzweiflung:

Erst auf der Anhöhe erkannte ich die riesige, künstlich trockengelegte Meeresbucht unterhalb der Hallen, die dermaßen gigantisch war, wie meine Augen nach beiden Seiten blicken konnten. Ein Staudamm hielt das Wasser draußen. Tausende und abertausende Särge reihten und stapelten sich neben- und übereinander.

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